Grünende und blühende Oasen sind nicht nur Balsam für die Seele, sondern auch beliebte Reiseziele. Durch die Vernetzung von privaten Gartenbesitzern und begeisterten Besuchern entstehen vielfältige Möglichkeiten zum Erfahrungsaustausch und zur Inspiration. Dabei zeigen Gartenenthusiasten dnrchaus unterschiedliche Ansätze. Denn: Das Thema Garten ist ein weites Feld.

Privatgarten-Touren

»Ein Garten, das ist doch häufig Ausdruck für die Sehnsucht nach dem Paradies auf Erden.« Und mit den Paradiesen in all ihrer individuellen Vielfalt kennt sich Kurt Geitner sehr gut aus, seit er für die Gartenakademie Baden-Württemberg mit Sitz in Heidelberg Kurzbesuche und mehrtägige Reisen zu ausgewählten Privatgärten, aber auch zu bedeutenden historischen Parkanlagen organisiert.

Thematisch reist man europaweit quer durch alle Gartenstile und Landschaftsräume, der Fokus liegt auf der individuellen Schönheit jedes einzelnen Gartens – und davon sind allein in Deutschland hunderte einen Besuch wert. »In ihren privaten Gärten verwirklichen Menschen mit Herzblut und viel persönlichem Einsatz ihr Lebenswerk – und freundlicherweise lassen sie Gleichgesinnte an ihren praktischen Erfahrungen teilhaben«, resümiert Geitner.

Was hilft, wenn eine dominante Pflanze wie der Bambus wuchert? Wie läuft die Experimentierphase mit den wärmeliebenden Schmetterlingsbäumen? Wo bringt die Anlage von Terrassen Charme und Charakter an den Hang? Die Reisenden, häufig »Amateur-Profis mit eigenem Garten«, wie Geitner sie nennt, registrieren begeistert jedes grün-bunte Detail. Sie holen sich Tipps, ziehen Vergleiche, diskutieren ihre persönlichen Erfahrungen und lassen sich inspirieren vom Farbenspiel der Blätter. Ein »Gartennetzwerk«, vollgepackt mit originellen Ideen, ausgefallenen Pflanzenarrangements und einfallsreichen Besuchsprogrammen, spannt sich so stetig wachsend über die Republik.

Allein im Rheintal und an der Deutschen Weinstraße stehen für Kurt Geitner und seine Gartenfreunde über 70 Tore weit offen. Anders als bei den jährlich stattfindenden »Tagen der offenen Gartenpforten«, an denen sich die Besucher zwischen den Beeten, Steingärten und lauschigen Ecken oft gegenseitig auf die Füße treten, bieten die Touren der Gartenakademie häppchenweise intensive Eindrücke unter fachlicher Leitung, sodass jeder auch komplexe Zusammenhänge wie etwa die Bedeutung von Sichtachsen in der Gartenbaukunst der Renaissance oder die Kniffe bei der Verwandlung eines Hinterhoflochs in eine grüne Oase nachvollziehen kann.

Auch die Details in der botanischen Vielfalt des Biblischen Gartens von St. Martin in der Pfalz etwa erschließen sich erst durch Informationen aus erster Hand. Denn dort wachsen am sonnigen Kirchhang zum Beispiel Akanthus und Weihrauch, d. h. ausschließlich Pflanzen, die in der Bibel erwähnt werden. Den seltenen Paternosterbaum, dessen Samen früher zu Rosenkränzen verarbeitet wurden, erhielten die Organisatoren des Gartens als Geschenk aus Teheran.

Gespräche mit Gartenhistorikern und Fachleuten für Formschnitt gehören ebenso zum Programm wie Exkurse über Sonne liebende Oliven oder Palmen, die auch im warmen Klima der Rheinebene prächtig gedeihen. Und Geitner sagt sehr treffend, es sei »dieser wunderbare Mix in der Flora, es sind diese vielfältigen Gestaltungsmöglichkeiten, die die Pflanzenwelt uns bietet«, welche in Verbindung mit netten persönlichen Kontakten immer mehr Menschen für gartenkundliche Reisen begeistere.

Der Reiz quer durch das Blumenbeet und durch die Stauden ist vielfältig: lockeres Fachsimpeln, Streifzüge durch Schaugärten und versteckte Grundstücke, überraschende Einblicke in individuelle Lebenswelten, gärtnerische Kreativität und exotische Preziosen. Ob bei Bundes- und Landesgartenschauen, bei regionalen Veranstaltungen oder zu Hause im privaten Traumparadies, die Sehnsucht nach der blühenden Idylle wächst – und lässt sich stillen, wenn man die richtigen Adressen kennt.

Gartennetzwerke

Auf den Kontakt und den Informationsaustausch zwischen Fachleuten, interessierten Laien und Bewunderern der Gartenkunst setzen auch regionale Gartennetzwerke, die derzeit fast überall in Deutschland wachsen. Dem Vorbild des National Trust in Großbritannien folgend entstand die Stiftung Europäisches Gartennetzwerk (EGHN), die regionale Routen zu den Themenkomplexen »Gärten berühmter Persönlichkeiten«, »Geschichte der Gartenkunst«, »Fruchtbare Gärten« sowie »Zeitgemäße Gärten« ausarbeitet und bekannt macht.

Vor allem in Nordrhein-Westfalen finden Interessenten reizvolle Ziele in ungeahnter Vielfalt: Im Landschaftspark Duisburg-Nord ist die Pracht von Spontanvegetation in den Sinterbunkergärten eines ausrangierten Hochofenwerks zu bewundern, in Ostwestfalen-Lippe zeigen farbenprächtige Beispiele die Inszenierung von Kunst in Gärten seit der Renaissance, und im Münsterland heißen die opulenten Parks der Wasserschlösser ihre Besucher farben- und formenreich willkommen.

Im Kleinen groß: Freie Garten-Akademie

Einen völlig anderen Ansatz lebt Wilm Weppelmann aus Münster mit der Freien Gartenakademie vor: Der Künstler macht seinen westfälischen Bauern-(Klein-)Garten zum grünen Nukleus mit großer Außenwirkung und veranstaltet regelmäßig Vorträge, Lesungen, Konzerte, Events oder Kunstaktionen rund um das vielfältige Thema Garten.

Menschen aus Nah und Fern drängeln sich in den Sommermonaten zwischen den Erdmieten aus ausgemusterten Waschmaschinen trommeln und den Stangenbohnen, lehnen an ehrwürdigen Obstbäumen und lugen neugierig über die gemäß Kleingartenverordnung auf 1,20 m gestutzten Hecken. »Ein Schrebergarten ist mit so vielen Klischees belastet, aber man kann auch im Kleinen groß sein. Mit einem Garten erfüllen sich Menschen Wünsche und leben ihre Ideen. Er kann Kraftzelle sein und gibt die Energie, die man hineinsteckt, vielfach wieder zurück!«

Deshalb lädt Weppelmann beispielsweise den weltweit einzigen Holunderkünstler Gunther Keusen zu einem Vortrag ein, organisiert ein leidenschaftliches Plädoyer für den Erhalt lokalen Saatguts und alter Pflanzensorten oder serviert ein musikalisches »Danke an den Garten«, bei dem auch 30 Liter leckere Gemüsesuppe mit Zutaten aus eigenem Anbau verspeist werden. Deshalb ist er ständig auf der Suche nach neuen Bezügen zwischen Kunst, Kultur und Menschheitsgeschichte, die sich im Garten treffen. Mit Fantasie, schrägen Gedankensprüngen und einem klitzekleinen »t« erschafft er aus dem an sich unspektakulären Gartenraum einen immer neuen Gartentraum, der in so manchem Besucher eine grün-kreative Initialzündung auslöst.

Nach anfänglicher Skepsis haben sich die Nachbarn in der Schrebergartenanlage Langemarckstraße von Weppelmanns Elan anstecken lassen, schließlich habe er sich durch den schweißtreibenden körperlichen Einsatz im Kampf gegen Giersch und wuchernde Stauden ein Respektfundament erarbeitet. So besucht der Gartenkünstler mit seinen Gästen manchmal andere Kleingärten, um seltene Nutzpflanzen zu zeigen, demnächst will er gar mit einer kleinen Theatergruppe samt Publikum über die Kieswege ziehen, um »Shakespeare im Grünen« zu realisieren. Oder er organisiert einen philosophischen Vortrag zum Jahresthema 2008: »Wenn kein Winter ist« – und das im münsterländischen Hochsommer.

»Ziel ist nicht Zerstreuung, sondern die Verdichtung des Raumes«, betont der kreative Kopf der Freien Gartenakademie, der seine grüne Oase auch als Ausdruck der Fürsorge um sich selbst schätzt, schließlich werde sein Einsatz mit Geborgenheit und gesundem Gemüse vergolten.

Interkulturell und unkonventionell ist gleichfalls sein künstlerisches »World Gardening Project«, in dem er Menschen in aller Welt aufgerufen hat, ein vernachlässigtes Stück öffentlichen Raum und urbanes Niemandsland mit Nutzpflanzen zu begrünen. Das Konzept orientiert sich an den Community Gardens in den USA; sogar aus Kyoto in Japan haben sich schon Teilnehmer bei Wilm Weppelmann gemeldet und ihre Aktion mit Texten sowie Bildern dokumentiert. Er selbst hat die ohnehin schöne Stadt Münster um einen vorher völlig zugewurzeiten, jetzt aber sauber in Reihen bepflanzten Fleck Erde bereichert. Nachdem der Fleck mit Kohl, Zucchini und Kräutern begrünt war, haben andere Menschen weiter daran gearbeitet und schließlich die Ernte genossen. Eine kleine Idee zieht Kreise, der Initiator ist zufrieden.

Infos Gartenlust

Kontakte: Gartenakademie Baden-Württemberg e.V., Diebsweg 2, 69123 Heidelberg, Tel. 0 62 21/70 98 15, www.gartenakademie.info. Umfangreiches Angebot an mehrtägigen Gartenreisen ins In- und Ausland sowie Tagestouren für interessierte Laien, u. a. zu Offenen Gärten in der Pfalz, ins Markgräflerland und zur Gartenroute Schleswig-Holstein.
Europäisches Gartennetzwerk – European Garden Heritage Network (EGHN), Stiftung Schloss Dyck, 41363 Jüchen, Tel. 0 21 82/82 40, www.eghn.org. Aktuelle Informationen über Gartenrouten und Themengärten in Europa. Vier regionale »Wege der Gartenkunst in Nordrhein-Westfalen«.
Freie Gartenakademie e. V., Wilm Weppelmann, Gartenanlage Langemarckstr. 73, 48045 Münster, Tel. 02 51/2 52 11, www.gartenakademie.org; Dokumentation des World Garden Project unter www.worldgarden.org. Das Jahresthema 2008 lautet »Wenn kein Winter ist« und will hautnahe Erfahrung der Jahreszeiten sowie ein tiefes Verständnis vom Werden und Vergehen, Haushalten und Verschwenden schaffen. 2009 will sich Weppelmann mit Britannien, der »Insel der Gärten«, befassen.
Sehenswertes drum herum: Die Vielfalt der Gartenlandschaften ist Thema einer Broschüre der Münsterland-Touristik, An der Hohen Schule 13, 48565 Steinfurt, www.muensterland-tourismus.de. Ferner informiert der Verband über ein breites Spektrum an Events, Sehenswürdigkeiten und Pauschalarrangements rund um die blühende und grünende Pracht.
Essen und Unterkunft: Landhausidylle auf hohem Niveau sowie originelle Arrangements von der Skulpt(o)ur bis zum Schlemmer-Wochenende bietet das Parkhotel Schloss Hohenfeld. Dingbängerweg 400, 48161 Münster, Tel. 0 25 34/80 80, www.parkhotel-hohenfeld.de.

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