Ein Hauch von Wildwestromantik, eine kräftige Prise Pferdebegeisterung und der große Wunsch, mal für ein paar Tage den Druck raus zu nehmen und sich seelenruhig durch die Gegend schaukeln zu lassen: Dies sind die Gründe, dass Pferdewagentouren auch in Deutschland immer beliebter werden. Das ideale Gelände für Genusstouren mit 1 PS bieten die wellig-weichen Endmoränenhügel im nördlichen Sachsen-Anhalt und im Mecklenburger Seenland.

Durch die Weite der Altmark

Seit fünf Jahren organisieren Nenny Albold und Uta Becker in der Altmark zwischen Hannover und Berlin mehrtägige Touren mit dem Pferdewohnwagen. Dabei verlieben sich nicht nur versierte Reiter in die gutmütigen und stressresistenten Zugtiere, auch absolute Laien verfallen dem massigen Charme der dunkelbraunen Rosi und ihrer Artgenossen.

Schon beim ersten Telefonat mit den Interessenten überlegen die beiden Frauen mit Pferdeverstand, weiches ihrer Tiere für den einwöchigen Einsatz vor dem Planwagen passend sein könnte. Denn: »Unsere Kaltblüter sind handverlesen, können praktisch lesen und schreiben – aber einen Autopiloten haben sie nicht! 900 Kilo Kaltblüter bewegen sich nicht von selbst; da muss einer wirklich die Zügel in der Hand halten und sagen, wo es lang geht!« Dabei sind die Stute wie auch der Wallach trotz ihrer Widerristhöhe von knapp 1,70 m im Einsatz vor dem Wagen eine Seele von Pferd: Sie lassen sich willig anspannen, über Landstraßen und Feldwege dirigieren, erschrecken weder vor einem Martinshorn noch vor einem Mähdrescher und wiehern freudig, wenn die Passagiere am Morgen aus dem Planwagen
schauen.

Doch vor der Entdeckung der Langsamkeit auf dem Kutschbock kommt die Einweisung in die Versorgung der Pferde und das Techniktraining in Apenburg, südlich von Salzwedel: Anschirren, das Pferd ruhig und richtig vor die Deichsel spannen, eine kurze Wendung fahren, bremsen, stoppen … Das erste Wegstück durch Rapsfelder und Birkenwäldchen begleitet Uta Becker als Fahrlehrerin für die Freizeit-Fuhrwerkführer, danach ist sie per Handy-Hotline zur Stelle, wenn der Kutscher den Rückwärtsgang nicht findet oder das Zugtier ein Hufeisen verloren hat. Drei jeweils siebentägige Rundreiserouten durch die blühende Weite der Altmark, vorbei an romanischen Wehrkirchen und idyllischen Rastplätzen, stehen zur Auswahl.

»Spätestens nach zwei Tagen fänngt das entspannte Fahren bei maximal5 km/h an«, wissen die Fachfrauen: dann erkennen ihre Gäste die Launen des Zugpferdes am Spiel der Ohren, dann erst ist der Alltag unendlich fern und man genießt die übersichtlichen Tagesetappen von 10 bis 17 km, gönnt sich eine Rast am Badesee, flicht Blümchen in die Pferdemähne und hat gelernt, sich auf engstem Raum im Pferdewohnwagen zu arrangieren. Oder man erweitert den Schlafplatz im Wagen durch ein mitgebrachtes Zelt.

Abends stehen die Fuhrwerke in vorreservierten übernachtungsstationen mit Toiletten, Duschmöglichkeit, Stromanschluss und Grillplatz. Das Abendessen bereiten sich die meisten Planwagenfahrer in der kleinen, zweckmäßig ausgestatteten Küche selbst zu.

Fünf gemütliche Wagen Marke Eigenbau mit jeweils vier Schlafplätzen, großer Proviantkiste, Gaskühlschrank und Sitzecke hat Nenny Albold in der Saison von Mai bis Oktober im Einsatz. Vor allem Familien entdecken diese bedächtige und teambildende Urlaubsform für sich. So mancher Gast käme auch mit der Absicht, sich selbst zu therapieren: vom Dauerstress, von der Pferdeangst, von der Angst vor Entscheidungen oder von Autoritätskonflikten auch im Umgang mit der eigenen Familie, einschließlich Hund. Dabei erweist sich der Kaltblüter, der den grün bespannten Planwagen zieht, als begnadeter Therapeut, seine Gemütsruhe ist ansteckend und »es tut enorm gut, sich mal auf die Langsamkeit zu konzentrieren«, wie es ein Gast treffend formulierte. Wenn die Saison jedoch vorbei ist, dann machen die zuverlässigen Zugtiere Urlaub in ihrer Herde auf der Koppel. »Dann dürfen sie einfach nur Pferd sein!«

Die Uckermark im Planwagen erleben

Den Launen der Natur setzen sich auch die Gäste von Celine Native Caravan aus, einem weiteren Spezialveranstalter für Planwagentouren, der seinen Sitz in Groß-Fredenwalde bei Suckow in der Uckermark hat. Das Konzept der Reisearrangements ist ähnlich wie in der Altmark, vor dem Fahrerlebnis kommt die technische Einweisung in das Handling der inzwischen sechs rollenden Unterkünfte samt dem duldsamen, an Strapazen gewohnten Zugtier. Allerdings ist die Routenführung im weiten, sanften Gebiet um Suckow individuell wählbar; sie wird vor dem Start mit dem Planwagen ausgearbeitet.

Doch: »Nur wenige Touristen können gut Karten lesen. Die meisten biegen auf Landstraßen zu früh und in Ortschaften zu spät ab«, hat die Unternehmerin festgestellt. Das wird zum Problem, wenn die 7 m langen Fuhrwerke auf einem schmalen Waldweg drehen sollen, denn der Wendekreis ist 10 m weit! »Es ist schon eine ungewohnte Aufgabe, sich allein in der schönen, einsamen Uckermark zurechtzufinden.« Meist sind die Planwagenfahrer auf schattigen Alleen und ruhigen Nebenstraßen unterwegs, rasten an stillen Seen und genießen die Ruhe. Nur abends müssen sie einen von 20 eingezäunten Rast- und Schlafplätzen mitten in der Natur erreicht haben. Duschen gibt es dort nicht, auf die Toilette geht man mit dem Klappspaten. Wem solche Quartiere zu schlicht sind, der kann gegen Aufpreis sogenannte Gastgeberplätze zubuchen, in denen Sanitäranlagen, Leitungswasser und anderer Komfort geboten sind.

Die Tagesetappen belaufen sich auf maximal 20 km Ruckel- und Zuckelfahrt, Sehenswürdigkeiten am Wegesrand, Einkaufs- und Einkehrmöglichkeiten sind auf einer Landkarte vermerkt. Und sollte entgegen allen Erfahrungen bei den Planwagenfahrern einmal Langeweile auftreten, hat Organisatorin van Zwoll eine Menge Tipps parat. Sie weiß, wo leckere Pilze wachsen und wer einen Crashkurs im Filzen anbietet. Das UNESCO-Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin, durch das die Touren führen, ist außerdem ideal für ausgiebige Natur- bzw. Vogelbeobachtungen im umweltverträglichen Pferdeschritt.

Entschleunigen im Müritz-Nationalpark

Planwagen touren im großen Stil will Alexander Kempf, Inhaber von Strelitz Reisen, organisieren. Als Franchisegeber baut er derzeit ein Netz von Anbietern und Tourvarianten in ganz Deutschland auf. Sein erster Geschäftspartner im Segment »Pferdewagen« ist Andreas Schmidt, dessen Basis in Thomasdorf am Carwitzer See liegt. Derzeit sind vier Wagen im Einsatz, die technische Einweisung in die Kunst des einspännigen Fahrers dauert einen ganzen Tag, »damit auch Laien ein Gefühl für das Pferd entwickeln«. Danach dient ein ausführliches Routenbuch als Leitfaden für die Orientierung, weist hin auf Sehenswürdigkeiten am Wegesrand, wie etwa das Hans-Fallada-Haus im malerischen Carwitz oder eine Wanderung durch die »Heiligen Hallen«, einen der ältesten Perlgrasbuchenwälder in Deutschland.

Da die ausgewiesene Tour – sieben Tage in der Standard- und vier Tage in der Kurzversion – überwiegend durch Nationalparkgebiet führt, besteht ein striktes Wegegebot. Auch die Nachtquartiere bei einem Schäfer oder auf Reiterhöfen sind verbindlich. Viele Trassen im Umland der Feldberger Seen sind zudem durch Schranken versperrt; die Schlüssel dafür erhalten die Freizeitwagenlenker bei der Einweisung in den Umgang mit den ausgebildeten Kremser- und Rückepferden aus Mecklenburg.

»Entschleunigung« ist auch für Alexander Kempf das magische Wort und die Erklärung für die wachsende Beliebtheit von Pferdewagentouren. Wer schaukelnd über Kopfsteinpflaster und sandige Wege rollt, findet Muße, die Gedanken schweifen zu lassen, gerade in der beschaulichen Landschaft Mecklenburg- Vorpommerns. Lauschige Badeseen, der weite Blick über die Kiefernheide und ein geselliger Stopp in einer Kneipe bilden willkommene Kontrapunkte zur träumerischen Zeit auf dem Kutschbock. Und manchmal versuchen auch die ruhigen, verlässlichen Kaltblüter den branchenfremden Fahrgast aus der Reserve zu locken, wenn sie plötzlich stehen bleiben und auf der Wiese zu grasen beginnen. »Da muss man sich dann aber schnell durchsetzen. Denn ein Pferd ist im Grunde wie ein Kind: Das braucht eine klare Ansage!«

Infos Altmark

Kontakt: pferdewohnwagen Altmark, Hinterstr. 6, 38486 Apenburg, Tel. 039001/90783, www.pferdewohnwagen.de. 7-tägige Rundtouren, mehrere Varianten ab 730 € pro Wagen.
Lage und Anfahrt: Sachsen-Anhalt, südlich von Salzwedel.
Essen und Unterkunft: Wer in die Altmark reist, sollte sich Zeit für einen Abstecher nach Tangermünde nehmen, eine idyllische Kleinstadt mit trutziger Backsteinkirche und einfallsreichen Gastgebern, wie etwa den Wirtsleuten der Gaststätte Exempel, wo in der »Bügelstube« u. a. leckere Schweinsohren und das lokale Kuhschwanzbier auf den Tisch kommen. Kirchstr. 40, 39590 Tangermünde.

Infos Uckermark

Kontakt: Celine Native Caravan, Am Haussee 41, 17268 Suckow, Tel. 03 98 87/6 90 78, www.celine-caravan.de. 4-Tage-Tour ca. 420 € (Nebensaison), einwöchiges Arrangement ca. 920 € pro Wagen (Hauptsaison).
Lage und Anfahrt: Sachsen-Anhalt. Erreichbar von Berlin aus über die A 11 oder B 96.
Essen und Unterkunft: In der Uckermark finden Urlauber ein außerordentlich vielfältiges Angebot an Quartieren, vom Campingplatz bis zum Luxus-Wellnesshotel. Reizvoll für Naturfreunde ist z. B. das Öko-Hotel in Neustrelitz. Dort übernachtet man in originellen Bungalows auf dem Gelände der Alten Kachelofenfabrik. Sandberg 3 a, 17235 Neustrelitz, Tel. 0 39 81/20 3145, www.basiskulturfabrik.de.
Alternativ können Sie auf einem im See verankerten Floß schlafen, das vom Resort Kolbatzer Mühle angeboten wird. 17279 Lychen, Tel. 03 98 88/52 5 93, www.kolbatzer-muehle.de.
Fischliebhaber sollten sich auf keinen Fall das Angebot der Räuchereien in vielen Orten entgehen lassen, z. B. im Fischhaus Meyl, Straße der deutschen Einheit 1,17207 Röbel,  oder im Räucherkahn, an der Anlegestelle Steinmole in Waren/Müritz. Oder man gönnt sieh mindestens eine der 60 Bio-Eissorten, die im Eiscafe Cadillac in Templin hergestellt werden, darunter Schafsmilch-Zabaione- und Ziegenmilch-Heidelbeer-Eis. Lychener Str. 7.

Infos Müritz

Strelitz Reisen, Glambecker Str. 41, 17235 Neustrelitz, Tel. 0 39 81/44 22 48, www.nationalparktrekking.de. 4-,5- und 8-tägige Arrangements im Nationalpark Müritz ab 490 €.

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