Die mächtigen Segel blähen sich im Wind, der Holzboden knarrt bei jedem Schritt, die Fässer sind voller Rum und in der Kombüse bereitet der Schiffskoch John Silver mit seinen groben Händen das Essen für die Mannschaft zu: Wir schreiben das Jahr 1758 und stehen am Bug der» Hispaniola« mit Kurs auf … Solchen Träumen mag der eine oder andere nachhängen, wenn er an Bord geht und die Segel zum traditionellen »Seebärentörn« gehisst werden. Das Schiff allerdings heißt Pippilotta und ist nur eines von zahlreichen historischen Segelschiffen, die auf Ost- oder Nordsee kreuzen. Aber ein ganz besonderes! Na dann: Volle Fahrt voraus!

An Bord der Pippilotta

Auch wenn sie nicht Kurs auf die Schatzinsel oder tropische Eilande der Sehnsucht nimmt: Abenteuerlich ist der Segeltörn mit der Pippilotta trotzdem. Denn in dem 1933 erbauten Schoner, der in Kappeln an der Schlei vor Anker liegt, wird die Atmosphäre der historischen Seefahrt mit jedem Knattern der Wanten spürbar. Auf jeden Fall bei dem einwöchigen Seebärentörn in die dänische Südsee. Luxuriös geht es an Bord des 43 m langen, urigen Dreimasters nicht zu. Doch keine Sorge: Vergangen sind die Zeiten, als man, wie einst Jim Hawkins, in der Hängematte übernachten musste und die Schritte des Einbeinigen mit dem Holzbein einen erschaudern ließen. Ein wenig bequemer ist es heute schon. Man übernachtet zwar überwiegend in Gemeinschaftskabinen, was allerdings aus der Kombüse kommt, ist nicht etwa Peluschkensuppe (aus kleinen Futtererbsen) oder deftiges Salzfleisch, sondern eine abwechslungsreiche Auswahl frisch zubereiteter Gerichte.

Wäre da noch der Traum, in die Takelage zu klettern – für begeisterte Segler und solche, die es erst werden wollen, ein fantastisches Erlebnis. Natürlich können bzw. sollen die Passagiere beim Segeln zupacken, aber ihnen wird weder harte körperliche Arbeit abverlangt, noch gehören niedere Dienste wie Kartoffelschälen oder den Schiffsboden scheuern zu den Pflichten der Mannschaft.

Dafür können sie von Käpt’n Hartwig, einem der dienstältesten Skipper auf der Ostsee, lernen, was es heißt »hoch am Wind« zu fahren, die Segel »dicht zu holen« oder was zu tun ist, wenn der Befehl »Aufentern des Riggs« erfolgt. Man wird Sie in die Bedienung nautischer Geräte einweisen, lehren Segel zu setzen und in die Takelage zu klettern. Sie werden nasse Taue aufrollen, Seekarten studieren und den Wind berechnen. Nur eine (inszeniertel Meuterei werden Sie nicht erleben! Denn bei aller Romantik und allen nostalgischen Gefühlen: Als moderne Piratenschiffe verstehen sich die historischen Segler nicht. Vielmehr ist man bemüht, den Gästen erlebnisreiche, sportliche und zugleich erholsame Tage zu bieten. Da wird in einsamen Buchten geankert, steuert die Pippilotta am Abend einen der idyllischen Häfen auf Dänemarks Inseln an oder wärmt man sich bei Sturm und peitschendem Regen unter Deck bei einem heißen Grog.

Neben eindrucksvollen Landschaftserlebnissen und Erholung steht bei den Segeltörns vor allem Teamgeist und ganz viel Spaß an erster Stelle! Denn oft werden solche Touren von Gruppen gebucht, die das Gemeinschaftserlebnis suchen. Und wenn sie richtig gut sind, übernehmen sie zunehmend das »Steuer«. Mit ausdrücklicher Erlaubnis des Kapitäns!

Das Gefühl von Freiheit und Abenteuer stellt sich ganz von selbst ein: Wenn man auf hoher See ist, sich dunkle Wolken zusammenbrauen und heftiger Wind aufkommt, wenn der Sturm die Rufe der Besatzung zerreißt, die nassen Taue durch die Hände gleiten und das Segelschiff an Fahrt gewinnt und vor einem nichts ist als das endlose Meer …

Faszinierende Windjammer

Kein Zweifel: Die historischen Schiffe und vor allem die schnellen Windjammer üben bis heute eine ungeheure Faszination aus. Diese Großsegler mit ihren rund 50 m hohen Masten sind eine Erfindung des frühen Industriezeitalters, die bis zum Beginn der Dampfschifffahrt auf den Weltmeeren kreuzten. Sie waren allesamt Frachtschiffe, auf denen wertvolle Rohstoffe und andere Güter transportiert wurden. Voll beladen mit Gewürzen, Stoffen oder anderen Waren segelten sie über die Weltmeere. Die eindrucksvollen Schiffe waren vor allem geeignet, empfindliche Güter zu transportieren, die auf Dampfmaschinen angesichts der Erschütterungen eventuell Schaden genommen hätten, und sie benötigten kaum Brennstoff.

Viele Windjammer wurden später zu Schulschiffen der Handels- und Kriegsmarine umgebaut, einige dienen heute – neben den zahlreichen historischen Küstenseglern – als Ausflugsschiffe, auf denen Tages-, Wochenend- oder gar mehrwöchige Törns veranstaltet werden.

Im Gegensatz zu früher bieten sie inzwischen deutlich mehr Komfort. Nutzten die Seefahrer von einst die Sterne am nächtlichen Himmel zur Orientierung, so kennzeichnen heute Sterne den Komfort an Bord. Seit 2002 werden die Schiffe begutachtet und entsprechend klassifiziert. Solche mit fünf Sternen dürfen sich zu Recht luxuriös nennen. Bescheidener sind jene mit vier, drei, zwei oder gar nur einem einzelnen Sternchen ausgestattet. Und doch: Was hätten die Seefahrer vergangener Jahrhunderte für diesen einen Komfort-Stern gegeben! Denn der Alltag an Bord war alles andere als romantisch. Moderne (Mit- )Segler müssen keinen Skorbut fürchten, Proviant wird heute nicht mehr in Fässern gelagert und wässrige Suppen kommen garantiert nicht aus der Kombüse. Kein Grund also dem Schiffskoch aufzulauern. Was bei solchen Törns serviert wird, sind in der Regel frisch zubereitete Gerichte, nicht nur beim Kapitänsdinner! Mittlerweile gibt es zahlreiche Veranstalter, die Windjammer-Reisen anbieten – weltweit, aber eben auch ab Norddeutschland.

Im »Weißen Schwan« über die Ostsee

Zwischen 1900 und 1983 befuhr der Zwei-Mast-Schoner »Bisschop v. Arkel, auch liebevoll »Weißer Schwan« genannt, unter deutscher Flagge die Ostsee. Mittlerweile steht er für individuelle Gruppentörns mit bis zu 16 Personen zur Verfügung, und zwar zu buchen über den Veranstalter aqua tours, der solche spannenden Touren und auch traumhafte Schiffe im Programm hat. Mit seiner kompletten Takelage plus Toppsegel ist die »Bisschop v. Arkel« wahrlich ein prachtvoller Schoner – mit Heimathafen Kiel! Ob Sie einen Wochenendtörn unternehmen, fünf Tage oder gleich eine ganze Woche oder länger segeln möchten: Sie haben die Wahl. Und es bleibt Ihnen überlassen, ob Sie lieber faulenzen, ein gutes Buch lesen oder aber die Ärmel hochkrempeln und mit anpacken wollen. Der Maat wird Sie entsprechend einweisen, wird Ihnen erklären, welche Segel zu setzen sind und welchen Kurs man am besten wählt, um tüchtig kreuzen zu können. Die Ostsee ist ein hervorragendes Gewässer – mit einer stets frischen Brise, angenehmen Temperaturen und viel Sonnenschein.

Los geht’s bei den Touren in Rostock, Stralsund, Flensburg, Eckernförde oder Kiel. Die Route steht vorher weitestgehend fest. So segelt man beispielsweise einmal rund um Rügen, bis nach Skandinavien hinauf oder auch Richtung St. Petersburg. Wind und Wetter können einem natürlich ein Schnippchen schlagen und einen anderen als den geplanten Kurs notwendig machen – neue Inseln wird man dabei nicht entdecken! Einen Schatz wohl auch nicht, aber sicherlich neue Horizonte – und immer auch sich selbst! Denn bei solchen Fahrten kommt es drauf an, im Team zu arbeiten, mit der Crew im wahrsten Sinne des Wortes gemeinsam an einem Strang zu ziehen.

Zur Verfügung stehen bei aqua tours unterschiedliche Schiffe, die Platz bieten für acht bis maximal 36 Personen. Manche Schiffe werden nur komplett verchartert, für andere stehen Routen fest, auf die man sich einzeln einbuchen kann. Meist wird in einer Gruppenstärke von zehn bis 20 Personen gesegelt, plus Skipper, Maat und Koch, die feste Crew des jeweiligen Schiffs. Keine zwielichtigen Gestalten wie auf der »Hispaniola«, nein: allesamt ausgebildete Segler, die die Schifffahrtsschule mit einem entsprechenden Abschluss verlassen haben und Garanten sind für einen sicheren Törn. Sollte Sturm aufkommen, Windstärke 7 etwa, wird man mit dem Schiff im Hafen bleiben oder nur in Küstennähe kreuzen. Die Sicherheit der Fahrgäste, zu denen oft auch Familien mit Kindern zählen, steht natürlich an allererster Stelle.

Segeikenntnisse sind bei solchen Törns im übrigen nicht erforderlich, nur Abenteuerlust und die Bereitschaft, sich auf Unbekanntes einzulassen. Und so viel sei versprochen: Es ist ein erhebendes Gefühl, wenn das Segelschiff ruhig über die Wellen gleitet, die mächtigen Segel sich im Wind blähen. Wenn man die Küste hinter sich lässt, der Hafen immer kleiner wird, bis er den Blicken ganz entschwindet und man nicht gen au weiß, wann wieder Land in Sicht kommt.

Infos Historische Schiffe

Kontakte: Blue Planet Sail, Christian Feuchtner, Kempener Str. 77, 50733 Köln, Tel. 02 21/91 39 25 30, www.blueplanetsail.de. Ausgangshafen ist Kappein an der schleswig-holsteinischen Ostseeküste (A 7 Richtung Flensburg, Abfahrt Rendsburg/Büdelsdorf, auf der B 203 Richtung Eckernförde, von dort Richtung Kappeln).
Neben dem beschriebenen Seebärentörn (395 €) gibt es Sommer- und Herbsttörns sowie die beliebte Rumregatta. Die Preise beinhalten Unterkunft und Verpflegung. Gruppen können die Pippilotta auch für eigene Törns chartern. Und neben der wirklich urigen Pippilotta hat der Veranstalter zahlreiche andere, zum Teil äußerst komfortable Segler im Angebot, u. a. die Antigua, Artemis oder die Tolkin.
aqua tours, Segeltörns & Windjammerreisen, Hauptstr. 87, 57482 Wenden, Tel. 0 27 62/92 96 12, www.aquatours.de. Abfahrtshäfen sind Rostock, Stralsund, Flensburg, Eckernförde oder Kiel, allesamt an der Ostseeküste. Die genaue Anfahrtsbeschreibung erhalten Sie bei der Buchung Ihrer Reise.
Preisbeispiele: Wochenendtörns kosten zwischen 165 € und 399 € je nach Route und Schiff. Zum Grundpreis kommt noch die sog. Bordkasse in Höhe von max. 105 € hinzu. Routentörns, die 4-13 Tage dauern, kosten entsprechend mehr: zwischen 198 und 760 € zzgl. Bordkasse. Bis zu 445 € bezahlt man etwa für Törns nach Dänemark, zu den Perlen der Ostsee. wie die dänisehen Inseln genannt werden.
Weitere Anbieter: Sailing and More, Beatrice Weber, Budapester Str. 52 b, 20359 Hamburg, Tel. 0 40/45 06 07 18, www.sailing-and-more.de. TSC-Traditional Sailing Charter BV, Rothebach 7, 59065 Hamm, Tel. 0 23 81/96 99 80, www.t-s-c.de.

schiffSegel setzen auf historischen Schiffen

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