Sie ist eines der letzten großen Abenteuer und nur etwas für absolute Individualisten: die Reise auf einem Frachtschiff. Keine Luxuskabinen, kein Kleiderzwang, kein elegantes Käptensdinner im kleinen Schwarzen und keine Animationsprogramme, dafür Logenplätze, wenn im Hafen die Fracht geladen und gelöscht wird. Urlaub inmitten von Containern und Massengut! Sie müssen aber nicht gleich Kurs auf Panama oder andere Fernziele nehmen. Schippern Sie doch eine Woche über Deutschlands Flüsse, die Eibe oder den Rhein hinunter, oder buchen Sie die Tour Duisburg-Rotterdam.

Ein luxuriöser Urlaub sieht anders aus, das steht außer Frage! Bei solch einer Fahrt sind Ihre Belange für die Crew zunächst einmal Nebensache. Denn in erster Linie dreht sich alles um die Fracht an Bord. Die muss sicher im Zielhafen ankommen und pünktlich gelöscht werden. Und Sie – ja Sie dürfen eben mitfahren, und ein Besuch auf der Kommandobrücke ist meistens erlaubt. Genau das ist der Reiz einer solchen Schiffstour und macht ihre Authentizität aus. Dies sagt einer, der es wissen muss: Werner Pfeiffer. Der Pionier in puncto Vermittlung von Frachtschiffreisen war selbst häufig genug an Bord – auf Binnenwasser- straßen wie auf hoher See.

Dass solche Reisen steigenden Zulauf haben, beweisen die Buchungszahlen. »Meist sind wir schon ein Jahr im Voraus ausgebucht«, freut sich der rührige Unternehmer. Und viele, die solch eine Reise einmal gemacht haben, kommen immer wieder. Es gibt auch prominente Beispiele, wie den ehemaligen SPD-Politiker Egon Baht. Ihn werden Sie allerdings auf der Ruhr oder dem Dortrnund-Ems-Kanal eher nicht antreffen. Er ist meist unterwegs nach Übersee – auf Frachtschiffen, ein Jahr um das andere!

Eine große Familie

Eine wochenlange Reise nach Übersee ist natürlich etwas Außergewöhnliches. Aber bleiben wir in Deutschland, auch hier haben Frachtschiffreisen ihren unnachahmlichen Reiz. Auf den Containerschiffen finden jeweils zwei Landratten Platz, mehr Urlauber können nicht an Bord kommen. Die Unterbringung ist dabei gar nicht übel: eine Doppelkabine mit Bad und WC, geräumig genug, um auch bei Nieselregen hier eine Weile auszuharren. Doch das möchte natürlich keiner wirklich. »Das Schöne ist ja, dass man bei einer solchen Reise mitten drin ist im Geschehen«, weiß Werner Pfeiffer zu berichten, »dass man den Alltag der Binnenschiffer in all ihren Facetten miterleben kann.« Die Sorgen und Nöte der Besatzung zum Beispiel, wenn eine Ladung nicht pünktlich im Hafen eingetroffen ist und der Kapitän die verloren gegangene Zeit irgendwie wieder aufholen muss, wenn es zu technischen Problemen oder anderen Verzögerungen kommt.

Und mit derartigen Pannen ist stets zu rechnen. Alleine Wind und Wetter sorgen regelmäßig für Verspätungen, bisweilen blockieren auch andere Frachter eine Hafeneinfahrt. Die Rolle der Passagiere verändert sich unterwegs von Tag zu Tag. »Aus bloßen Zuschauern werden Mitreisende, die sich mit der Arbeit an Bord identifizieren. Denn irgendwie sind wir ja alle eine große Familie hier an Bord.« Kein Wunder also, dass sich die Urlauber zeitweise anstecken lassen von der Hektik am Hafen, wo alles unheimlich schnell gehen muss. Zeit ist Geld – im Geschäft mit Containerware sowieso. Doch spätestens wenn das Schiff endlich abgelegt hat und langsam über den Fluss gleitet, kehrt wieder Ruhe ein.

Beschaulichkeit statt Animation

Man wird überrascht sein, welche Kunst dahintersteckt, ein Frachtschiff über die stellenweise schmalen Flüsse zu manövrieren, vorbei an Frachtern im Gegenverkehr, die bedrohlich nahe kommen – zumindest scheint das so. Selbst Hand anlegen dürfen die Passagiere auf der Brücke deshalb keinesfalls. »Denn das«, so Pfeiffer, »wäre zu gefährlich und ist auch nicht zulässig.« Natürlich, kleine Hilfsdienste sind willkommen, doch niemand verlangt von Ihnen, dass Sie nachts Wache schieben oder irgendwo am Schiff Rost entfernen.

Als Werner und Ingrid Pfeiffer vor 26 Jahren in Wuppertal eine Agentur für Frachtschiffreisen gründeten, waren sie die Ersten auf dem Markt. Dabei war die Idee im Grunde nicht neu. Seit Jahrhunderten schon schifften sich Menschen auf Überseefrachtern ein, um ans andere Ende der Welt zu gelangen, um von Europa aus die lange Reise nach Amerika oder in die Südsee anzutreten – bisweilen selbst als blinde Passagiere. Frachtschiffe boten oft die einzige Möglichkeit für solche Fernreisen.

Aber was bewegt Touristen heute dazu, auf den Pötten anzuheuern, wo es Kreuzfahrtschiffe und Luxusliner gibt, die Swimmingpools, Cocktailpartys und Livemusik bieten? »Es handelt sich eben um Menschen, die nichts für Rummel und vorgefertigte Spaßprogramme im Urlaub übrig haben«, so Werner Pfeiffer, »die einfach zur Ruhe kommen und das authentische Schifferleben kennenlernen möchten.« Einer der schönsten Plätze dafür befindet sich ganz vorne auf Deck. »Dort kann man stundenlang sitzen und die Landschaft sowie die Städte und Dörfer langsam vorüberziehen lassen«, schwärmt der agile Veranstalter. In der Tat: Auf einem solchen Schiff wird man förmlich zur Ruhe gezwungen. »Viele Leute bringen Bücher mit und lesen dann recht wenig darin«, schildert Pfeiffer die Situation. Denn vielfach ist es einfach interessanter, sich die Gegend anzuschauen, als die Nase in die Literatur zu stecken. Zu sehen gibt es in der Tat jede Menge während einer Reise über Deutschlands Binnengewässer.

Wer die Tour Auf Rhein, Waal und Maas bucht, beginnt gleich in Europas größtem Binnenhafen, Duisburg. Kräne, Frachtdepots und Verladeplätze ohne Ende, dazu ein verwirrendes System von Zeichen und Symbolen – die Schifffahrtssprache eben. Alsdann wird man überrascht sein angesichts der abwechslungsreichen und zum Teil wunderschönen Landschaft, durch die der Kahn langsam hindurchgleitet. Natürlich – es ist die Industriekultur, die eine solche Fahrt quer durchs Ruhrgebiet und weiter bis nach Rotterdam im Wesentlichen kennzeichnet: Schornsteine, Gasometer, Autobahnbrücken … Doch dazwischen fast ländliche Idyllen, saftige Wiesen, auf denen Kühe weiden, ebenso wie verwunschene Flussabschnitte, an denen Wasservögel heimisch sind.

Auf der Brücke

Dreh- und Angelpunkt an Bord ist die Brücke! Und hier, beim Kapitän, erfährt man auch, aber nicht nur Seemannsgarn. Wer möchte, bekommt eine genaue Einweisung in die Instrumente und lernt das Radarbild richtig zu lesen, erfährt, inwiefern die elektronischen Seekarten heute das Navigieren erleichtern, oder lässt sich erläutern, welche Arbeiten anstehen, wenn das Schiff eine Schleuse passieren muss. Keine Frage: Der Kapitän weiß viele,mitunter amüsante Geschichten aus seinem Berufsleben zu erzählen- und kennt natürlich die Sehenswürdigkeiten und Besonderheiten entlang der Route wie seine Westentasche. Dann wäre da noch der Maschinenraum, das Herzstück des Schiffes, wo es stinkt und heiß ist, wo die Motoren laut knattern und es intensiv nach Öl riecht – auch diesen Bereich muss man gesehen haben.

Geselligkeit an Bord

Verpflegen muss man sich nur bei einer Tour (IFR 052 nach Amsterdam) selbst. Dafür steht den Reisenden eine kleine Küchenzeile zur Verfügung. Bei den anderen Touren kocht die Frau des Kapitäns. Manchmal ist es aber auch ein Anliegen der Reisenden, den Kapitän samt Ehefrau oder Besatzung zum gemütlichen Dinner einzuladen. Es sind meist sehr gesellige Runden, man sitzt auf dem Achterdeck, plaudert über Gott und die Welt, kommt sich einfach näher. »Da entstehen mitunter richtig enge Beziehungen«, so Pfeiffer. Individualurlaub eben. Mondäne Kreuzfahrten – das kann jeder!

Infos Frachtschiffreisen

Kontakt: Internationale Frachtschiffreisen Pfeiffer GmbH, Friedrich-Storck-Weg 18 a, 42107 Wuppertal, Tel. 02 02/45 23 79, www.frachtschiffreisen-pfeiffer.de. Eine genaue Anfahrtsbeschreibung zu den Häfen erhält man
mit der Buchung.
Touren- und Preisbeispiele: Auf Rhein, Waal und Maas: 7 Tage, Duisburg-Rotterdam-Duisburg, ab 518 €. Die Theodela ist Baujahr 2000 und fährt unter belgischer Flagge.
Auf Rhein- Main-Mosel-Maas: 7 Tage, Route je nach Ladungsangebot z. B. von Duisburg über Antwerpen nach Amsterdam. 350 € pro PersonIWoche in der Doppelkabine, 455 € bei Einzelnutzung. Gefahren wird auf einem Binnenschiff für Stück- und Schüttgut, Bj. 1974, Länge 101 m, Breite 9,5 m, 1320 PS; Schiffsfracht: 2025 Tonnen.
Auf Eibe und Rhein: 7 oder 14 Tage. Mögliche Fahrtroute: Stade – Elbe – Elbe – Seitenkanal- Mittellandkanal – Dortmund – Ems – Kanal – Rhein – Herne – Kanal – Rhein – Köln – Koblenz.
518 € pro Person in der Doppelkabine, 630 € bei Einzelnutzung derselben, inkl. Vollverpflegung. Binnenschiff für Stück- und Schüttgüter, Bj. 1968, unter deutscher Flagge, Länge 100 m, Breite 10,5 m, 1360 PS. Bei dieser Tour kann ein Fahrrad mitgenommen werden. Abends liegt man vor Anker, sodass täglich Landgänge möglich sind.
Voraussetzungen und Ausrüstung: Ein ärztliches Attest benötigen alle Passagiere, die älter als 65 Jahre sind. So lässig die Kleiderordnung an Bord, so notwendig sind allerdings ein paar Hausschuhe, da man die Kabinen mit gewöhnlichen Straßenschuhen nicht betreten darf. Empfohlen wird als Gepäckstück ein Rucksack, denn beim Ein- und Aussteigen sollte man auf der wackeligen Brücke möglichst beide Hände frei haben.
Essen: Man verpflegt sich auf einigen Touren selbst. Getränke sind in der Regel an Bord verfügbar. Da die Frachtkähne regelmäßig vor Anker liegen, besteht die Möglichkeit zum Einkauf während des Landgangs. Die Crew hat meist Tipps für gute Geschäfte.
Weitere Anbieter internationaler Frachtschiffreisen: Günthers Frachtschiffreisen, Containerschiffe, Trampschiffe, Bananendampfer, Postschiffe und mehr, Tel. 09 11/9 74 81 21, www.guenthers frachtschiffreisen.de.
Internaves Frachtschiffreisen, Tel. 0 72 21/39 38 37, www.internaves.com.
NSB Reisebüro Frachtschiff Touristik Bremen, Violenstr. 22, 28195 Bremen, Tel. 04 21/3 38 80 20, www.nsb-frachtschiffreisen.de.

frachtschiffAn Bord eines Frachtschiffes

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