Es geschah am 27. Februar 1904: Ein Schuss durchbrach die stille Winterlandschaft der sächsischen Lausitz. An diesem kalten Witertag starb der letzte frei lebende Wolf in Deutschland. Für die meisten Bewohner der Gegend ein Grund zur Freude, galt der Wolf doch gemenhin als Raubtier, das immer wieder Rinder, Schafe, Schweine und andere Nutztiere riss und – am  allerschlimmsten – angeblich sogar Menschen anfiel.

Die Angst vor dem Wof, der wie kaum ein anderes Tier dämonisiert und zum Gegenstand blutrünstiger Fabeln und Geschichten wurde, sitzt heute noch so tief wie im Mittelalter. Daher haben die Biologen der Wolfsstation LUPUS in der Lausitz viel Aufklärungsarbeit zu leisten, wollen sie die Bewohner von der Möglichkeit einer guten nachbarschaftlichen Beziehug zwischen Mensch und Wolf überzeugen. Dies ist ausgesprochen wichtig, denn der Wolf ist zurückgekehrt in die Lausitz – nach fast einem Jahrhundert! Das ist einmalig in Deutschland und Grund genug, sich näher mit Meister Isegrim zu beschäftigen.

Das Bild vom bösen Wolf korrigiern

Spurensuch – so lautet das ANgebot der Wildbiologen in Rietschen, die sich jeweils am Wochenende mit interessierten Besuchern auf die Pirsch begeben und versuchen, sich dem Wolf zu nähern. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Man wird die Tiere höchstwahrscheinlich nicht zu Gesicht bekommen, sind sie doch von Natur aus sehr scheu und meiden Menschen. Aber man spürt während der knapp dreistündigen Exkursion ihren Fährten nach, wird Losungen finden und Hochinteressantes zum Wesen des Wolfs und über seine Eigenschaften erfahren. 16 Wölfe leben nach Angaben der Wildbiogogen wieder in der Muskauer Heide, 172 00 gibt es schätzungsweise weltweit. Sie leben in Rudeln zusammen und bekommen einmal pro Jahr Nachwuchs. Ihre Beute können sie über eine Entfernung von 2 km wittern, zudem verfügen sie über ein fantastisches Gehör. Das Heulen der Wölfe dient der Kommunikation und der klaren Abgrenzung ihres Territoriums.

Die Touren sind besonders schön, wenn Schnee liegt, da dann die Wolfsspuren gut zu sehen sind. Anders als Hunde bewegen Wölfe sich oft im geschnürten Trab, d. h. sie setzen ihre Hinterpfoten in die Abdrücke der Vorderpfoten, wodurch die Spuren in gerader Linie erscheinen – ein gutes Erkennungsmerkmal. Auch die Losungen verraten viel über den scheuen Grauen. Häufig findet man si an markanten Stellen, denn der Wolf markiert unmissverständlich sein Revier. Selbst ohne Lupe ist meist leicht herauszufinden, was er in den letzten Tagen gefressen hat. Haare seiner Beute, ja sogar Knochenreste oder Zähne sind oft mit bloßem Auge gut auszumachen. Ab und an stößt man sogar auf Knochen- und Kadaverreste eines gerissenen Tiers, eines Rehs etwa. Selbst wenn man ihm nicht begegnet, so wird man Meister Isegrim nach einer solchen Spurensuche bestimmt in einem anderem Licht sehen, erscheint der böse Wolf aus Kindertagen doch als ein schützenswertes Tier, das innerhalb unseres Ölosystems eine wichtige regulierende Funktion innehat. Daher ist er übrigens durch mehrere Bestimmungen, darunter das Washigtoner Artenschutzabkommen, geschützt.

Die Biologen vor Ort wisssen ziemlich genau, wo sich die Tiere aufhlaten. Mithilfe eines Peilsenders, der einigen Tieren eingesetzt wurde, können sie den Standort der Wolfsrudel exatkt bestimmen. So lassen sich verlässliche Daten erheben und Studien durchführen. Die wiederum dienen der Aufklärungsarbeit und sollen das Bild vom bösen Wolf korrigieren.

Mit Wölfen leben

Doch Misstrauen und Unwissen sitzen tief, davon können die Wildbiologen ein Lied singen. Seit in den 1990er-Jahren die ersten Wölfe wieder über die polnische Grenze nach Deutschland eingewandert sind, ist es wiederholt zu Abschüssen gekommen, meist durch die Jägerschaft. Daher haben die Biologen von LUPUS im Auftrag des sächsischen Ministeriums für Umwelt und Landwirtschaft ein breit angelegtes Informations- und Kommunikationsnetz aufgebaut. In der Broschüre “Mit Wölfen leben” werden wichtige Informationen, speziell für Förster, Jäger und Tierhalter, gegenben. Ziel ist es, den Wolf besser kennenzulernren, unbegründete Ängste abzubauen und Tipps zu geben, wie man Konflikte mit Wölfen vermeiden kann. Teil dieser Informationsarbeit ist auch ein sehenswertes Museum in Rietschen, das sich seit Herbst 2007 speziell den Lausiter Wölfen widmet. “Die Ausstellung in der Wolfsscheune beinhaltet nicht nur eine Reihe von Infotafeln, sondern ist recht anschaulich konzipiert. Da gibt es eine spezille Heulstation oder man kann anhand der Losungen erkennen, welche Nahrung Wölfe aufgenommen und auch unverdaut wieder ausgeschieden haben”, erläutert Dipl.-Forstwirtin Jana Schellenberg vom Kontaktbüro.

Die bereits erwähnten, geführten Wanderungen führen in die Mukauer und Neustädter Heide. Dort sind Wölfe auf verlassenen Truppenübungsplätzen und im ehemaligen Bergbaugebiet wieder sesshaft geworden. In diesem großen und weitgehend unbewohnten Gebieten haben die Tiere ausreichend Rückzugsmöglichkeiten gefunden. Immerhin benötigt jedes Rudel ein Revier von etwa 250 bis 300 km² Fläche.

Wolfscamp

“Besonders schön ist eine Exkurson, wenn Schnee liegt”, erklärt auch Frau Marschner, die Jahr für Jahr ein einwöchiges Wolfscamp organisiert, in dem Kinder im Alter von acht bis 15 Jahren sich intensiv dem Thema Wolf widmen. “Wir organisieren Spiele, zeigen Filme, hören interssante Vorträge, bauen Höhlen – und gehen natürlich ins Gelände”, so Marschner. “Dort finden wir Spuren und Losungen der Wölfe und die Kinder sind begeistert.” Das sehr preisgünstige Camp findet im nahe gelegenen Ort Weißwasser statt und bietet Kindern faszinierende Einblicke in die Welt von Meister Isegrim. Oft melden sich Gruppen an, doch sind auch einzelne Kinder herzlich willkommen.

Wölfe auf Wanderschaft

Nach Auskunft von LUPUS hat es 2007 im Rudel der Muskauer Heide zwei Würfe gegeben. Sind die Welpen geschlechtsreif und finden sie einen Partner, verlassen sie das klar abegrenzte Terrain des Rudels und suchen sich ein eigenes Revier. Erst dann, wenn sie dort selbsdt wieder Junge bekommen, kann man davon sprechen, dass sie sesshaft gewordne sind . Wenn kein geeignets Revier vorhanden ist, findet keine Familiengründung statt und die Tiere ziehen einfach weiter. Wie viele solcher wilden Wölfe in Deutschland unterwegs sind, kann niemand genau sagen. Denn sie entziehen sich, im Gegensatz zu dne sesshaften Tieren, der Beobachtung. Bleibt nur zu hoffen, dass die Tiere auch anderswo auf Menschen stoßen, die sich für die wahre Natur der Wölfe interessieren und ihnen den notwendigen Lebensraum zugestehen.

Wölfe hautnah erleben

Wer tatsächlich Wölfe sehen will und sich für Erfahrungen von einem, der wie kein anderer mit den Wölfen lebt, interessiert, der sollte ins saarländische Merzig reisen. Dort hat Werner Freund ein beispielhalftes Wolfsgehege aufgebaut, in dem sich auf mehreren Hektar Waldland neben europäischen auch indishce, arktische und kanadische Wölfe tummeln (Infos unter www.wolfspark-wernerfreund.de).

Infos Wolfsspuren:

Kontaktbüro “Wolfsregion Lausitz”, Am Erlichthof 15, 02906 Rietschen, Tel. 03 57 72/4 67 62, www.wolfsregion-Lausitz.de.
Exkursion Spurensuche (ca. 3 Std.): Anmeldung beim Kontaktbüro “Wolfsregion Lausitz” erforderlich. Mindestteilnehmerzahl 5 Pers., max. 15 Pers.). Geführte Radtouren entlang dem Wolfradwanderweg, der mitten durch das Wolfsgebiet führt, werden an jedem Wochenende veranstaltet. Entweder 2 Std. (ca. 20 km) oder 8 Std. (ca. 50 km): 8/21 €, Fahrradmiete 9 €/Pers. Infos beim Kontaktbüro Wolfsregion Lausitz (s.o.).
Wolfscamp für Kinder in Weißwasser: Infos/Anmeldung Tel. 0 35 76/29 03 90, weisswasser@gmx.de. Der Unkostenbeitrag für Unterkunft, Verpflegung und Betreuung beträgt 30 €.
Wolfstouren: Stephan Kaasche, Alte Gartenstraße 15, 02977 Hoyerswerda, Tel. 01 74/9805089, www.wolfswandern.de. Der Mitarbeiter des NABU und des Freundeskreises Lausitzer Wölfe bietet verschiedene Rad-, Wander- und sogar Bustouren durch die Lausitz an, bei denen sich der Wolf im Mittelpunkt steht, z. B. “Große
Wolfstour” mit dem Rad, Dauer: 8 Std., Preis: 28 €. Im Anschluss daran gibt er auf Wunsch noch einen Wolfsvortrag.
Lage und Anfahrt: Sachsen, Niederschlesischer Oberlausitzkreis, Rietschen liegt mitten im waldreichen Biosphärenreservat Oberlausitz und ist über die Bundesstraße 115 zu erreichen. Ausrüstung: Festes Schuhwerk, wetterfeste Kleidung und nach Möglichkeit ein Fernglas. Essen und Unterkunft: Sehr gut essen und übernachten kann man im Forsthaus, Rietschen, Tel. 03 57 72/4 05 62,  Dort wird zu besonderen Anlässen die Wolfsspeisekarte ausgegeben, ansonsten regionale Küche serviert, z. B. längst vergessene Gerichte wie Schlesisches Himmelreich, ein früher gängiges Gericht aus Gulasch und Obst. In der Erlichthofsiedlung findet man noch weitere, ausgesprochen urige Unterkünfte in Schrotholzhäusern, die teilweise 500 Jahre alt sind. Ob man nun im Dachgeschoss eines der Handwerkerhäuser, die im Sommer auch an Gäste vermietet werden, übernachtet oder in einer der Pensionen: Ungewöhnlich ist die Herberge auf jeden Fall. Infos: www.erlichthofsiedlung.de Dass sich in der Region vieles um den Wolf dreht, beweist auch die Gaststätte Zum Hammer in einer sorbischen Siedlung in Neustadt (mit Pension). Das empfehlenswerte Restaurant hat ebenfalls eine eigene Wolfsspeisekarte, die zum Schmunzeln Anlass gibt. Hammer 9, 02979 Spreetal-Neustadt, Tel. 03 57 27/5 02 40.0
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